Sind Genossenschaften das Wirtschaftsmodell der Zukunft?

Quelle: http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-campus/doku/genossenschaften-104.html  |  Autor: Andrea Roth, Stand: 09.01.2013

„Gut 18 Millionen Bundesbürger, als jeder Vierte!“, so die Bilanz des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes, „sind derzeit Mitglieder einer Genossenschaft.“

Den Film „Gewinn für alle – Sind Genossenschaften das Wirtschaftsmodell der Zukunft?“ als alpha-Campus DOKU gibt es hier: http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-campus/genossenschaften-102.html

Weltweit boomen die kooperativen Betriebe und tragen zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in vielen Ländern bei. Die UNO hat das Jahr 2012 zum Jahr der Genossenschaften ausgerufen, um auf diese Weise – in Zeiten einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zu betonen, dass gemeinsames und verantwortungsvolles Engagement auf dem Wirtschaftsmarkt für nachhaltige Entwicklung wichtiger denn je sind. Dabei schien die Idee vom gemeinschaftlichen Einkaufen und Vermarkten, die der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen vor gut 160 Jahren ins Leben gerufen hatte, in Deutschland allmählich abzusterben. Genossenschaft – das roch nach verstaubten Sparkassenkästchen und muffigem Saatgut, wurde oft sogar mit dem „Genossen“ im DDR-Regime gleichgesetzt. Doch spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise sind sie wieder präsent – und erleben einen Gründungsboom ungeahnter Ausmaße. Allein den Kreditgenossenschaften schlossen sich zwischen 2008 und 2010 rund 466.000 neue Mitglieder an. Denn spätestens in der Finanzkrise haben die meisten erkannt, dass die genossenschaftlichen Banken, die nicht renditefixiert und spekulativ arbeiten, ein krisenfestes Modell sind.
Doch nicht nur in dieser traditionellen Genossenschaftsform engagieren sich immer mehr Menschen: Sie entstehen im Patientenversorgungsbereich, Dienstleistungssektor, im Energiebereich, bei Freiberuflern, in Form von genossenschaftlichen Dorfläden oder Theatern und vieles mehr – überall dort, wo auch neuer Gemeinsinn gefragt und erwünscht ist. Vor allem entstehen sie auch zunehmend dort, wo sich Staat und Kommunen aus Finanzierung und Versorgung zurückziehen.

Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung – dieses traditionelle Motto der Genossenschaften hat heute neues Leben bekommen: Viele Menschen wollen gemeinschaftlich und wirtschaftlich Anforderungen wieder selber in die Hand nehmen. Genossenschaften – sie haben einen wichtigen Stellenwert für die Zukunft der Gesellschaft und Wirtschaft.

Genossenschaften haben Geschichte

Die Idee zur Gründung erster genossenschaftlich geprägter Organisationen wurde buchstäblich aus der Not heraus geboren: Im Verlauf der Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts gerieten viele Bauern und kleine Handwerksbetriebe in finanzielle Notlagen. Die Sozialreformer Friedrich Wilhelm von Raiffeisen und Hermann Schulze Delitzsch waren es, die unabhängig voneinander die Grundzüge des Genossen-schaftswesens schufen: 1847 rief Raiffeisen den ersten Hilfsverein zur Unterstützung der notleidenden ländlichen Bevölkerung ins Leben und schuf Modelle für landwirtschaftliche Einkaufsgenossenschaften. Im Verbund konnten Bauern günstiger einkaufen und ihre Ernte vermarkten, oder sogar Darlehen bei den neu geschaffenen „Darlehnskassenvereinen“ aufnehmen. Unabhängig davon rief Hermann Schulze Delitzsch zeitgleich Hilfsvereine für Handwerker und später erste Kreditgenossenschaften ins Leben. Beide Sozialreformer vertraten die Auffassung, dass die Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen nur durch den Zusammenschluss einzelner, schwacher Einheiten zu erreichen sei. Das Motto der ersten Genossenschaften gilt bis heute: Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung.

Was ist eine Genossenschaft?

  • Die Genossenschaft ist ein Kooperationsunternehmen und eine Rechtsform – wie auch die AG und die GmbH. Doch im Unterschied zu jenen ist sie nicht verpflichtet, Gewinne zu erzielen. Stattdessen sollen die Mitglieder gefördert werden. Dieser Förderauftrag ist im § 1 des Genossenschaftsgesetzes verankert.
  • Mitglieder einer Genossenschaft sind zugleich Eigentümer, Kapitalgeber und Kunden bzw. Nutznießer der Leistungen des Unternehmens.
  • Jedes Mitglied hat eine Stimme bei allen wichtigen Entscheidungen der Genossenschaft – und das unabhängig von der Höhe des eingesetzten Kapitals. Damit ist die Genossenschaft eine urdemokratische Unternehmensform.
  • Der Überschuss einer Genossenschaft, der erwirtschaftet wird, kommt allen zugute: Zum Beispiel in Form von Rückvergütungen an die Mitglieder.
  • Schon drei Personen können eine Genossenschaft gründen. Der Ein- und Austritt ist unkompliziert.
  • Eine Genossenschaft hat grundsätzlich drei Organe: die Generalversammlung wählt den Vorstand und den Aufsichtsrat. Der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand, der Vorstand leitet das Unternehmen.
  • Jede Genossenschaft ist Teil des Genossenschaftsverbandes und wird regelmäßig durch diesen geprüft.

Gewinn für alle

Genossenschaften sind nicht kurzfristig, sondern langfristig orientiert. Da sie nicht kapitalorientiert sind, werden keine Spekulationen getätigt, keine Genossenschaftsanteile auf dem Finanzmarkt gehandelt.

Durch ihre Fokussierung auf die Mitglieder und durch die Kooperation mit den Genossenschaftsverbänden bieten Genossenschaften Stabilität: Nur 10 % aller Genossenschaften gehen pleite.

Keine andere Rechtsform bietet den Mitgliedern die Möglichkeit der Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitverantwortung ohne staatlichen Einfluss. Dieses System hat sich weltweit in über 100 Ländern bei mehr als 800 Millionen Genossen durchgesetzt und bewährt. So ist z.B. in Kanada jeder dritte Einwohner Mitglied einer Genossenschaft. In der Elfenbeinküste finanzieren Genossenschaften Schulen, Krankenhäuser und Straßen. In Kuwait ist 80 % des Einzelhandels genossenschaftlich organisiert.

Buchtipps

  • Berthold Eichwald, Klaus Josef Lutz: Erfolgsmodell Genossenschaften. Möglichkeiten für eine werteorientierte Marktwirtschaft. Deutscher Genossenschafts-Verlag eG, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-87151-145-5
  • Werner Grosskopf, Hans-H. Münkner, Günther Ringle: Unsere Genossenschaft. Idee – Auftrag – Leistungen. Deutscher Genossenschafts-Verlag eG, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-87151-149-3
  • Hans-H. Münkner, Günther Ringle (Hrsg.): Neue Genossenschaften und innaktive Aktionsfelder. Grundlagen und Fallstudien. Nomos Verlag, 2010, ISBN 978-3-8329-5801-5
  • Konny Gelleneck (Hrsg.): Gewinn für alle! Genossenschaften als Wirtschafts-modell der Zukunft. Westend-Verlag 2012, ISBN 978-3-86489-010-9

Genossenschaften im Film

Artikel zum Thema

Der Gründungsprozess ist abgeschlossen

Jetzt ist die Maxwäll-Energie Genossenschaft e.G. beim Registergericht in Montabaur unter der Nr. GenR 20014 ins Genossenschaftsregister eingetragen. Damit sind die beiden Buchstaben i.G. für in Gründung als Anhängsel im Namen verschwunden. In Kürze laden wir alle Mitglieder zu einer kleiner Feierstunde und Informationsabend ein.

Von der Idee, über die Initiativgruppe zur Gründung im Herbst 2011, Bildung des Gündungsteams, der Gründungsversammlung im Mai 2012 bis zur Eintragung in Register in nur rund 8 Monaten!!

Gratulation an alle Mitwirkenden, Dank an alle Unterstützenden!

Im Aufschwung

12. Januar 2012

Genossenschaften sind unterschätzt. Das ist das Eine. Sie erleben gerade einen Gründungsboom, das ist das Andere. Burghard Flieger im Interview im Deutschlandradio.

Über die Hälfte aller Existenzgründungen sind sogenannte Teamgründungen. „Wenn die wachsen wollen, ist die Genossenschaft die ideale Organisationsform“, sagt Burghard Flieger. „Man kann mit vielen gleichberechtigt gemeinsam entscheiden und gleichzeitig: Man kann unkompliziert in die Unternehmung ein- und aussteigen.“

Sind wir reif für mehr Eigeninitiative, Engagement und damit für das Modell Genossenschaft? Ja, sagt Burghard Flieger. Neben der wirtschaftlichen Beteiligung bieten Genossenschaften Partizipation, Mitsprache … „Danach gibt es ein starkes Bedürfnis – und deshlab ist die Genossenschaft eine  ideale Antwort auf Politik- und Unternehmensverdrossenheit.“

Das Interview als Text:
Über die Hälfte aller Existenzgründungen sind sogenannte Teamgründungen. „Wenn die wachsen wollen, ist die Genossenschaft die ideale Organisationsform“, sagt Burghard Flieger. „Man kann mit vielen gleichberechtigt gemeinsam entscheiden und gleichzeitig: Man kann unkompliziert in die Unternehmung ein- und aussteigen.“

Sind wir reif für mehr Eigeninitiative, Engagement und damit für das Modell Genossenschaft? Ja, sagt Burghard Flieger. Neben der wirtschaftlichen Beteiligung bieten Genossenschaften Partizipation, Mitsprache … „Danach gibt es ein starkes Bedürfnis – und deshlab ist die Genossenschaft eine eine ideale Antwort auf Politik- und Unternehmensverdrossenheit.“

Zum ganzen Interview

Das Interview als Text